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Humanismus HeuteEine Stiftung des Landes Baden-Württemberg zur Förderung der Pflege und Weitergabe des kulturellen Erbes der Antike.
Humanismus Heute ist eine Stiftung des Landes Baden-Württemberg. Der Vorstand besteht aus dem Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Prof. Dr. Peter Frankenberg, dem Minister für Kultus, Jugend und Sport, Helmut Rau, und dem Geschäftsführer, Minister a.D. Prof. Dr. Helmut Engler. Die Stiftung hat die Aufgabe, die Pflege und Weitergabe des kulturellen Erbes der Antike zu fördern. Tätigkeitsbereich der Stiftung ist das Land Baden-Württemberg. Die Geschäftsstelle befindet sich in 79098 Freiburg, Franziskanerstraße 9. Sie ist telephonisch im allgemeinen montags bis freitags von 9 bis 12 Uhr unter 0761 / 39695 oder per Fax unter 0761 / 39130 erreichbar. Die e-mail-Adresse lautet kontakt@humanismus-heute.de .
Untenstehend finden Sie Näheres zu folgenden Themen: - 30. Landeswettbewerb Alte Sprachen 2011 - Horizonte-Wochenenden 2010 - Horizonte-Wochenenden 2011
30. Landeswettbewerb Alte Sprachen 2011
In jedem Schuljahr wird ein Einzelwettbewerb für interessierte Schülerinnen und Schüler der Oberstufe ausgeschrieben. Die Themen gehen jeweils von antiken Texten aus, können aber auch mit Hilfe von Übersetzungen bearbeitet werden. Die erfolgreiche Teilnahme am Wettbewerb kann zur Aufnahme in die Studienstiftung des Deutschen Volkes führen.
Aufbau des Wettbewerbs und Teilnahmebedingungen
Teilnahmeberechtigt sind die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe an den Gymnasien in Baden-Württemberg. Der Wettbewerb ist in drei Runden angelegt. Jede wird mit der Vergabe von Preisen abgeschlossen. Ein erster Preis eröffnet jeweils den Zugang zur nächsten Runde. Die Beurteilung erfolgt durch unabhängige Gutachter; der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die erste Runde bestand in der Anfertigung einer Hausarbeit über eines der ausgeschriebenen Themen (Einsendeschluß ist der 12. Januar 2011). Die Arbeit hat zusammen mit der entsprechenden ausgefüllten Spalte des Teilnahmebogens (erhältlich durch eine e-mail an: alexander.mueller@skph.uni-heidelberg.de) eingereicht zu werden. Die Arbeiten gehen in das Eigentum der Stiftung über und werden nicht zurückgesandt. Die Träger des ersten Preises werden zu einem einwöchigen wissenschaftlichen Arbeitsseminar (4.-9. April 2011) im Kloster Neresheim eingeladen und sind zur Teilnahme an der zweiten Runde des Wettbewerbes zugelassen. Die zweite Runde besteht in einer Klausur mit zentraler Aufgabenstellung an der jeweiligen Heimatschule am Mittwoch, 4. Mai 2011, deren Bestehen zur Teilnahme an der dritten Runde berechtigt. In der dritten Runde können Sie sich durch einen Vortrag über ein selbstgewähltes Thema aus dem Bereich der alten Sprachen am 8./9. Juli 2011 um die Aufnahme in die Studienstiftung des Deutschen Volkes bewerben. Ihre Wettbewerbsarbeit kann an der Schule als besondere Lernleistung angerechnet werden. Wenden Sie sich hierfür an Ihren Fachlehrer.
1. Runde - Ausarbeitung einer Wettbewerbsarbeit zu einem der folgenden Themen:
1. Historia munus oratoris – Wie soll man Geschichte schreiben? Cicero, De oratore 2, 62-64; Quintilian, Institutio oratoria 10, 1, 31-34; Plinius, Epistulae 5, 8, 1-4.
2. Das Gute erkennen - das Böse tun Platon, Protagoras 352 b 1 - e 5; Euripides, Medea 1078-1080; Euripides, Hippolytos 373-387; Ovid, Metamorphosen 7, 1-73; Paulus, Brief an die Römer 7, 15f.
3. Der Schild des Helden Homer, Ilias 18, 478-608; Vergil, Aeneis 8, 608-731.
4. Die Stuttgarter Antigone im Theater „Tribüne“ 2008 In einer modernen Umarbeitung wird das sophokleische Vorbild in unsere heutige Zeit übertragen. Analysieren Sie die Unterschiede der jeweils zugrunde liegenden Weltbilder. Der Text der Bühnenfassung von Geza Revay (unter Verwendung der Übersetzung von Hölderlin, 40 Seiten) wird für die Bearbeitung zur Verfügung gestellt (e-mail an: alexander.mueller@skph.uni-heidelberg.de). Gelegenheit zum Besuch der Aufführung besteht bis Juli 2011.
5. Lachen und Weinen Texte von der Antike bis zur Moderne (Die Texte werden demnächst unten auf dieser Seite zur Verfügung gestellt)
Ausführung der Wettbewerbsarbeit: Themenwahl: Die Bearbeitung von Themen, denen griechische Texte zugrunde liegen, ist auch ohne Griechischkenntnisse möglich. Beachten Sie aber, daß eine Übersetzung nicht immer den vollen Wortsinn wiedergibt. Textbezug: Erste Aufgabe bei jedem Thema ist die Interpretation der genannten Texte. Belegen Sie Ihre Ausführungen durch genaue Textverweise. Hintergrundwissen: Zum Verständnis der Texte kann es wichtig sein, die Person des Autors, das geistige und historische Umfeld, die Tradition, in der er steht, und die Literaturgattung zu bedenken; eine ausführliche Darstellung gehört nicht zur Aufgabe. Geben Sie korrekt an, was Sie aus Handbüchern, Kommentaren usw. übernehmen. Eigene Stellungnahme und Gegenwartsbezug: Eine Auseinandersetzung mit den Texten ist erwünscht und bei manchen Themen auch gefordert. Trennen Sie diese deutlich von der Interpretation, vermeiden Sie Weitschweifigkeit. Anlage der Arbeit: Stellen Sie Ihrer Arbeit eine Gliederung voran und setzen Sie Zwischenüberschriften. Der Aufbau ergibt sich aus der Fragestellung. Bei einer Vergleichsaufgabe empfiehlt es sich z.B., zunächst jeden einzelnen Text zu würdigen, um dann nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden zu fragen. Formales: Textverweise und Verweise auf die benützte Literatur können im Text, als Fußnoten oder in einem Anmerkungsteil erfolgen. Fügen Sie in jedem Fall ein geordnetes Verzeichnis der benützten Literatur, auch der Internetadressen, an. Versehen Sie die Arbeit mit Seitenzahlen. Sie können zwischen der alten und der neuen Rechtschreibung wählen, korrekte Orthographie und Interpunktion sind selbstverständlich. Die Hausarbeit ist als Ausdruck an die Geschäftsstelle der Stiftung einzusenden. Der Umfang der Arbeit sollte zehn DIN-A4-Seiten nicht überschreiten.
Einsendeschluß: 12. Januar 2011 (Poststempel)
Erster Preis: Ein einwöchiges wissenschaftliches Arbeitsseminar (4.-9. April 2011) im Kloster Neresheim und Zulassung zur zweiten Runde. Zweiter Preis: Ein Seminarwochenende (Horizonte-Wochenende, siehe unten) in Neresheim.
2. Runde - Klausurarbeit (Textvergleich) an der eigenen Schule (Mittwoch, 4. Mai 2011) Erster Preis: Zulassung zur dritten Runde Zweiter Preis: Buchpreis
Je eine griechische und eine lateinische Musterklausur mit Erwartungshorizont finden Sie am Ende dieser Seite.
3. Runde - Vortrag über ein selbstgewähltes Thema vor einer Jury auf Schloß Salem (8. und 9. Juli 2011) Erster Preis: Aufnahme in die Studienstiftung des Deutschen Volkes Zweiter Preis: Nominierung für ein Auswahlseminar der Studienstiftung
Fragen zum Wettbewerb richten Sie bitte an die Geschäftsstelle der Stiftung.
Horizonte 2010
Das Seminar wird veranstaltet von der Stiftung des Landes Baden-Württemberg Humanismus heute. Es wendet sich an Latein- und Griechisch-Schülerinnen und -Schüler, die an existentiellen Fragen und am Denken in Zusammenhängen interessiert sind und für gemeinsame Arbeit drei Tage einsetzen wollen. Erarbeitet werden altsprachliche und neuzeitliche Texte.
Ort: Klosterhospiz Neresheim Termine: 15. bis 17. Oktober 12. bis 14. November 10. bis 12. Dezember (Zusatztermin bei Überbelegung) Beginn: Jeweils freitags mit dem Mittagessen um 12 Uhr. Ende: Jeweils sonntags um 14 Uhr. Kosten: Der Eigenbeitrag für Unterkunft, Verpflegung und Tagungsmappe beträgt 35 Euro. Den Rest übernimmt die Stiftung Humanismus Heute. Für Wettbewerbsteilnehmer mit entsprechendem Preis ist die Teilnahme kostenfrei abgesehen davon, daß alle Teilnehmer ihre Reisekosten selbst zu tragen haben.
Eingeladen sind Schülerinnen und Schüler der Klassen 10 bis 13. Informationen zur Anreise usw. erhalten Sie nach Ihrer Anmeldung zu gegebener Zeit. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt; es gilt die Reihenfolge der Anmeldungen.
Die Anmeldung erfolgt schriftlich durch Einsendung untenstehender Angaben an Herrn Alexander Müller, Universität Heidelberg / Klassische Philologie, Marstallhof 2-4, 69117 Heidelberg oder durch elektronische Übermittlung der entsprechenden Angaben an alexander.mueller@skph.uni-heidelberg.de . Die Anmeldung sollte folgende Angaben enthalten:
Ich melde mich verbindlich an für das Oktoberwochenende / Novemberwochenende / Dezemberwochenende
Ausweichtermin falls schon belegt: Oktoberwochenende / Novemberwochenende / Dezemberwochenende
Name, Vorname Anschrift Telephon und/oder e-mail Klasse Schule und ggf. der Lehrer, von dem Sie die Einladung erhalten haben.
Horizonte 2011
Die Termine für die Horizonte-Wochenende 2011 sind: 14.-16.10.; 25.-27.11.; 9.-11.12. Eine Anmeldung ist noch nicht möglich!
Klausurbeispiele und Musterlösungen für die 2. Runde des Landeswettbewerbs Alte Sprachen
Griechische Klausur — Aufgabenstellung
Der Tod ein Gut?
Zwei Texte, in denen das Thema eine Rolle spielt, werden einander gegenübergestellt: Text A aus Lukians „Der Traum“ und Text B aus Platons „Apologie“.
Aufgaben
Zu Text A: Lukian, Der Traum, 10-12 (mit einer Auslassung)
1. Gliedern Sie den Satz ἢν ... ὁρμῇ (Zeile 1-8) so, dass seine grammatische Struktur deutlich wird. Sie können diese verbal beschreiben oder eine Ihnen geläufige Gliederungsmethode verwenden.
2. Stellen Sie den Inhalt dieses Textes in den wichtigen Aussagen dar.
Zu Text B: Platon, Apologie, 40 c 4 - 41 c 6 (mit einer Auslassung)
3. Benennen Sie die in der Einleitung griechisch zitierte These des Sokrates zu dem Thema der Aufgabe und beschreiben Sie seine Argumentation in den entscheidenden Punkten.
Zu Text A und B:
4. Zeigen Sie, welche Funktion das Thema in den Texten A und B hat. Es empfiehlt sich, bei der Bearbeitung von dem älteren Text auszugehen.
Text A: Lukian, „Der Traum“ oder „Der Lebensweg Lukians“, 10-12 (mit einer Auslassung) Der syrische Schriftsteller Lukian lebte im 2. Jh. n. Chr. Er lernte sein Griechisch in der Schule und eignete sich auf der Universität eine intime Kenntnis der griechischen Literatur an. Er betätigte sich als sophistischer Wanderredner, schrieb philosophische Texte und später satirisch geprägte Unterhaltungsliteratur. Im „Traum“ beschreibt Lukian die Wahl seines Lebensweges. Als Sohn eines Steinmetzen wollte er zunächst den Beruf des Vaters ergreifen, fand ihn aber nicht befriedigend und beschloss, sich zum Redner ausbilden zu lassen. Seine Entscheidung beschreibt er als Folge eines Traumes. Zwei Frauen erschienen Lukian und wollten ihn für sich gewinnen: die Ἑρμογλυφική und die Παιδεία. Die Bildhauerkunst lockte ihn mit der Aussicht, ein zweiter Phidias werden zu können, dann sprach die Paideia. Zunächst versuchte sie, die Rede der Bildhauerkunst zu entkräften („du würdest eben nur ein βάναυσος bleiben“) und stellt dann ihr Wirken vor. Hier setzt der folgende Text ein. Der Inhalt eines kurzen ausgelassenen Abschnitts wird angedeutet.
Ἢν δ' ἐμοὶ πείθῃ, πρῶτον μέν σοι πολλὰ ἐπιδείξω παλαιῶν ἀνδρῶν ἔργα, καὶ πράξεις θαυμαστὰς καὶ λόγους αὐτῶν ἀπαγγέλλουσα καὶ πάντων ὡς εἰπεῖν ἔμπειρον ἀποφαί- 5 νουσα, καὶ τὴν ψυχήν, ὅπερ σοι κυριώτατόν ἐστι, κατα- κοσμήσω πολλοῖς καὶ ἀγαθοῖς κοσμήμασι, σωφροσύνῃ, δικαιοσύνῃ, εὐσεβείᾳ, πρᾳότητι, ἐπιεικείᾳ, συνέσει, καρ- τερίᾳ, τῷ τῶν καλῶν ἔρωτι, τῇ πρὸς τὰ σεμνότατα ὁρμῇ· ταῦτα γάρ ἐστιν ὁ τῆς ψυχῆς ἀκήρατος ὡς ἀληθῶς 10 κόσμος. λήσει δέ σε οὔτε παλαιὸν οὐδὲν οὔτε νῦν γενέσθαι δέον, ἀλλὰ καὶ τὰ μέλλοντα προόψει μετ' ἐμοῦ· καὶ ὅλως ἅπαντα ὁπόσα ἐστί, τά τε θεῖα τά τ' ἀνθρώ- πινα, οὐκ εἰς μακράν σε διδάξομαι. Darauf folgen Ansehen, Ehre und Ämter. Zu Hause und in der Fremde wird man zu Lukian aufblicken. ὃ δὲ λέγουσιν, ὡς ἄρα καὶ ἀθάνατοι γίγνονταί τινες ἐξ 15 ἀνθρώπων, τοῦτό σοι περιποιήσω· καὶ γὰρ ἢν αὐτὸς ἐκ τοῦ βίου ἀπέλθῃς, οὔποτε παύσῃ συνὼν τοῖς πεπαι- δευμένοις καὶ προσομιλῶν τοῖς ἀρίστοις. ὁρᾷς τὸν Δημοσθένην ἐκεῖνον, τίνος υἱὸν ὄντα ἐγὼ ἡλίκον ἐποίησα. ὁρᾷς τὸν Αἰσχίνην, ὡς τυμπανιστρίας υἱὸς ἦν, ὅπως 20 αὐτὸν δι' ἐμὲ Φίλιππος ἐθεράπευσεν; ὁ δὲ Σωκράτης, καὶ αὐτὸς ὑπὸ τῇ ἑρμογλυφικῇ ταύτῃ τραφείς, ἐπειδὴ τάχιστα συνῆκε τοῦ κρείττονος καὶ δραπετεύσας παρ' αὐτῆς ηὐτομόλησεν ὡς ἐμέ, ἀκούεις ὡς παρὰ πάντων ᾄδεται.
Hinweise: Zeile 4 ὡς εἰπεῖν: sozusagen Zeile 4/5 ἔμπειρον ἀποφαίνουσα: zu ergänzen: σέ (doppelter Akkusativ) Zeile 5 τὸ κυριώτατον: die Hauptsache Zeile 7 ἡ πρᾳότης: Sanftmut Zeile 7 ἡ ἐπιείκεια: Anstand Zeile 9 ὡς ἀληθῶς ἀκήρατος: wirklich echt Zeile 11 γενέσθαι δέον: was geschehen muss Zeile 13 εἰς μακράν: ausführlich Zeile 15 περιποιεῖν τινί τι: etwas an jemandem bewahrheiten, exemplifizieren Zeile 18 Demosthenes war der Sohn eines Messerschmieds Zeile 18 ἡλίκος: wie groß; τίνος ... ἡλίκον: zwei Fragen zusammengeschoben Zeile 19 Aischines: politischer Gegner des Demosthenes, der von dem Makedonenkönig Philipp umworben wurde. Zeile 19 τυμπανίστρια: Paukenschlägerin (bei Mysterien) Zeile 22 συνήκειν (hier mit Genitiv): zusammenkommen mit; kennenlernen Zeile 22 δραπετεύειν: davonlaufen Zeile 23 αὐτομολεῖν: überlaufen
Text B: Platon, „Apologie“, 40 c 4 - 41 c 6 (mit einer Auslassung) Der Text stammt aus dem dritten Teil der Apologie. Sokrates ist zum Tode verurteilt und setzt sich mit den Folgen für die Stadt und für sich selbst auseinander. Wie er seinen Tod deutet: κινδυνεύει τὸ ξυμβεβηκὸς τοῦτο (die Verurteilung) ἀγαθόν γεγονέναι. Was die Leute fälschlicherweise glauben: κακὸν εἶναι τὸ τεθνάναι. Danach setzt der vorliegende Text ein. Der in 40 e ausgelassene Satz beschreibt die Wirkung eines festen, traumlosen Schlafes – die beste Nacht, die jemand haben kann; man möchte sie mit allen anderen Tagen und Nächten nicht tauschen.
[40c] [...] XXXII. Ἐννοήσωμεν δὲ καὶ τῇδε ὡς πολλὴ ἐλπίς ἐστιν ἀγαθὸν αὐτὸ εἶναι. δυοῖν γὰρ θάτερόν ἐστιν τὸ τεθνάναι· ἢ γὰρ οἷον μηδὲν εἶναι μηδὲ αἴσθησιν μηδεμίαν μηδενὸς ἔχειν τὸν τεθνεῶτα, ἢ κατὰ τὰ λεγόμενα μεταβολή τις τυγχάνει οὖσα καὶ μετοίκησις τῇ ψυχῇ τοῦ τόπου τοῦ ἐνθένδε εἰς ἄλλον τόπον. καὶ εἴτε δὴ μηδεμία αἴσθησίς ἐστιν ἀλλ' [d] οἷον ὕπνος ἐπειδάν τις καθεύδων μηδ' ὄναρ μηδὲν ὁρᾷ, θαυμάσιον κέρδος ἂν εἴη ὁ θάνατος [...] [e] [...] εἰ οὖν τοιοῦτον ὁ θάνατός ἐστιν, κέρδος ἔγωγε λέγω· καὶ γὰρ οὐδὲν πλείων ὁ πᾶς χρόνος φαίνεται οὕτω δὴ εἶναι ἢ μία νύξ. εἰ δ' αὖ οἷον ἀποδημῆσαί ἐστιν ὁ θάνατος ἐνθένδε εἰς ἄλλον τόπον, καὶ ἀληθῆ ἐστιν τὰ λεγόμενα, ὡς ἄρα ἐκεῖ εἰσι πάντες οἱ τεθνεῶτες, τί μεῖζον ἀγαθὸν τούτου εἴη ἄν, ὦ ἄνδρες δικασταί; εἰ γάρ τις ἀφικόμενος εἰς Ἅιδου, ἀπαλλαγεὶς τουτωνὶ [41a] τῶν φασκόντων δικαστῶν εἶναι, εὑρήσει τοὺς ὡς ἀληθῶς δικαστάς, οἵπερ καὶ λέγονται ἐκεῖ δικάζειν, Μίνως τε καὶ Ῥαδάμανθυς καὶ Αἰακὸς καὶ Τριπτόλεμος καὶ ἄλλοι ὅσοι τῶν ἡμιθέων δίκαιοι ἐγένοντο ἐν τῷ ἑαυτῶν βίῳ, ἆρα φαύλη ἂν εἴη ἡ ἀποδημία; ἢ αὖ Ὀρφεῖ συγγενέσθαι καὶ Μουσαίῳ καὶ Ἡσιόδῳ καὶ Ὁμήρῳ ἐπὶ πόσῳ ἄν τις δέξαιτ' ἂν ὑμῶν; ἐγὼ μὲν γὰρ πολλάκις ἐθέλω τεθνάναι εἰ ταῦτ' ἔστιν ἀληθῆ. ἐπεὶ ἔμοιγε καὶ αὐτῷ θαυμαστὴ ἂν εἴη ἡ διατριβὴ αὐτόθι, [b] ὁπότε ἐντύχοιμι Παλαμήδει καὶ Αἴαντι τῷ Τελαμῶνος καὶ εἴ τις ἄλλος τῶν παλαιῶν διὰ κρίσιν ἄδικον τέθνηκεν, ἀντιπαραβάλλοντι τὰ ἐμαυτοῦ πάθη πρὸς τὰ ἐκείνων - ὡς ἐγὼ οἶμαι, οὐκ ἂν ἀηδὲς εἴη - καὶ δὴ τὸ μέγιστον, τοὺς ἐκεῖ ἐξετάζοντα καὶ ἐρευνῶντα ὥσπερ τοὺς ἐνταῦθα διάγειν, τίς αὐτῶν σοφός ἐστιν καὶ τίς οἴεται μέν, ἔστιν δ' οὔ. ἐπὶ πόσῳ δ' ἄν τις, ὦ ἄνδρες δικασταί, δέξαιτο ἐξετάσαι τὸν ἐπὶ Τροίαν ἀγαγόντα τὴν πολλὴν στρατιὰν ἢ Ὀδυσσέα ἢ [c] Σίσυφον ἢ ἄλλους μυρίους ἄν τις εἴποι καὶ ἄνδρας καὶ γυναῖκας, οἷς ἐκεῖ διαλέγεσθαι καὶ συνεῖναι καὶ ἐξετάζειν ἀμήχανον ἂν εἴη εὐδαιμονίας; πάντως οὐ δήπου τούτου γε ἕνεκα οἱ ἐκεῖ ἀποκτείνουσι· τά τε γὰρ ἄλλα εὐδαιμονέστεροί εἰσιν οἱ ἐκεῖ τῶν ἐνθάδε, καὶ ἤδη τὸν λοιπὸν χρόνον ἀθάνατοί εἰσιν, εἴπερ γε τὰ λεγόμενα ἀληθῆ.
Übersetzung von Matthias Claudius: [40c] [...] XXXII. Wir wollen uns aber auch auf folgende Weise zu Gemüt führen, wie viele Hoffnung da ist, daß Sterben etwas Gutes sei: Eins von beiden muß der Tod sein: entweder er ist wie ein Nichts-Sein, und der Gestorbene hat keine Empfindung weiter von irgend etwas, oder, nach der gewöhnlichen Annahme, ist er eine Verwandlung und eine Versetzung der Seele aus diesem in einen andern Ort. Ist er nun „keine Empfindung weiter“, sondern [d] gleichsam ein Schlaf, in dem der Schlafende nicht einmal einen Traum sieht, so wäre der Tod ein überschwenglicher Gewinn. [...] [e] [...] Wenn also der Tod so etwas ist, so nenne ich ihn einen Gewinn; und alle Zeit vor uns scheint auf diese Weise nur Eine lange Nacht zu sein. Wenn aber der Tod ein Auswandern ist, aus diesem nach einem andern Ort, und es ist wahr, was gesagt wird, daß alle, die gestorben sind, sich dort befinden, welche Glückseligkeit könnte größer sein als diese, Ihr Richter! Denn wenn ein Abgeschiedener für die so genannten Richter, die er hier verlassen hat, [41a] die wahrhaftigen Richter findet, die dort richten sollen, den Minos und Rhadamanthys und Aeacus und Triptolemus und die andern Halbgötter, so viele ihrer in ihrem Leben gerecht gewesen sind, wäre diese Auswanderung so übel? Was würde mancher von Euch nicht darum geben, wenn er mit Orpheus und Musäus und mit Hesiodus und mit Homer sprechen und umgehen könnte. Ich, wahrlich, will mehr als einmal sterben, wenn das wahr ist. Mir, für meinen Teil, wäre es ein gar herrliches und erwünschtes Leben dort, [b] wenn ich mit dem Palamedes und dem Ajax, Telamons Sohn, und wenn sonst einer von den Alten durch ungerechtes Urteil sein Leben verloren hat, an einen Ort zusammenkäme. Mein Schicksal mit dem ihrigen zu vergleichen, müßte schon sehr angenehm sein. Aber die Hauptsache wäre immer: die dort, wie die hier, zu forschen und zu prüfen, wer von ihnen weise ist, und wer es sich dünkt, aber nicht ist. Was würde nicht mancher darum geben, Ihr Richter, den großen Belagerer von Troja näher zu verkundschaften oder den Ulysses oder [c] Sisyphos, oder andere tausende könnte man nennen, Männer und Weiber, mit denen zu sprechen und umzugehen und sich zu befragen das größte Glück von der Welt wäre. Und um des willen bringen die dort nicht ums Leben; denn wie die dort überhaupt viel glücklicher sind als die hier, so auch darin, daß sie für die Zukunft unsterblich sind, wenn nämlich was gesagt wird wahr ist.
Griechische Klausur — Erwartungshorizont
Aufgabe 1 ἢν δ' ἐμοὶ πείθῃ πρῶτον μέν σοι πολλὰ ἐπιδείξω (...) ἔργα καὶ πράξεις (...) καὶ λόγους (...) ἀπαγγέλλουσα καὶ πάντων (...) ἔμπειρον ἀποφαίνουσα καὶ τὴν ψυχήν κατακοσμήσω (...) κοσμήμασι: σωφροσύνῃ (...) ἔρωτι: τῇ (...) ὁρμῇ. ὅπερ (...) κυριώτατόν ἐστι.
Ein Bedingungsgefüge, eingeleitet durch den Eventualis (ἢν δ' ἐμοὶ πείθῃ) und mit einem durch πρῶτον μέν und καὶ gegliederten Hauptsatz: ἐπιδείξω ἔργα und κατακοσμήσω τὴν ψυχήν. Dem Prädikat ἐπιδείξω sind untergeordnet die parallelen Partizipialkonstruktionen ἀπαγγέλλουσα und ἀποφαίνουσα. Dem Prädikat κατακοσμήσω ist der erläuternde Relativsatz ὅπερ κυριώτατόν ἐστι untergeordnet; es wird erweitert durch die freie Angabe κοσμήμασι. Diese wiederum erhält zur inhaltlichen Differenzierung acht Appositionen; die letzte Apposition τῷ τῶν καλῶν ἔρωτι erhält eine eigene Apposition: τῇ πρὸς τὸ σεμνότατον ὁρμῇ.
Aufgabe 2 Die Paideia versucht zunächst die Vorzüge der Bildhauerkunst zu entkräften (s. Einleitung zum Text). Dann zeigt sie, welche Möglichkeiten im Leben und im Tod sie Lukian eröffnen kann: 1. Sie zeigt ihm einerseits (πρῶτον μέν) die Vorbilder großer Männer der Vorzeit, bringt ihm umfassendes Wissen (πάντων) bei und eröffnet ihm nicht nur die Einsicht in vergangenes und gegenwärtiges Schicksal, sondern gewährt ihm sogar einen Blick in die Zukunft. 2. Genauso umfassend bildet die Paideia aber auch Lukians ψυχή. In acht Appositionen versammelt sie alle Tugenden und Verhaltenweisen, die dem Griechen wichtig sind. Der Eros erhält mit der Apposition τῇ πρὸς τὸ σεμνότατον ὁρμῇ eine eigenen Erläuterung; er ist der Antrieb zu dem Erhabensten. 3. Eine solche Bildung wird Lukian im Leben großes Ansehen bringen: bei allen Menschen, auch bei den Mächtigen und Reichen. Ämter und Ehrensitze werden folgen. Sein Ansehen wird sogar ins Ausland dringen. 4. Falls jedoch, wie der Mythos behauptet, tatsächlich einige Menschen Unsterblichkeit erlangen, wird Lukian dazugehören. Dann wird er mit den Gebildeteten und Besten verkehren, gerade auch solchen, die lange vor ihm lebten, aber wie er auch aus Handwerksfamilien stammten: Demosthenes, Aischines – und natürlich Sokrates. Dieser ist besonders wichtig, weil er ja von Beruf Steinmetz war und dann in der Unterwelt so bedeutend wurde, dass ihm von allen Seiten Lobgesänge zuteil werden. Ganz offensichtlich spielt Lukian mit diesem Abschnitt auf das Kapitel in der Apologie an, in der Sokrates sich mit dem Tod auseinandersetzt (s. Text B). Wenn jedoch diese Stelle nur übertragen aufgefasst wird, muss diese Interpretation gegenüber der Folgerung aus dem ἐάν-Satz (οὔποτε παύσῃ ...) begründet werden. Lukian schrieb ja in seinem späteren Schaffen zahlreiche satirische Werke. Auch wenn „Der Traum“ wohl eher seiner früheren sophistischen Periode angehört, ist eine leichte Ironie unverkennbar: bei dem umfassenden Tugendkatalog mit der besonderen Betonung des Eros, bei seinem Ansehen, das bis ins Ausland dringt, vor allem aber in der Darstellung des Sokrates (Wortwahl!): Er läuft seinem Beruf davon (δραπετεύω) und wird ein Deserteur (αὐτομολέω). In der Oberwelt hat man ihn zum Tode verurteilt; in der Unterwelt wird er besungen.
Aufgabe 3 Die These des Sokrates lautet: Was mir zugestoßen ist, scheint ein Gutes zu sein, der Tod ist kein Übel, wie man fälschlicherweise glaubt. Der Ausgangspunkt der Argumentation: Der Tod muss eine von zwei Möglichkeiten sein: entweder ein Nicht-Sein ohne jede Empfindung oder nach der üblichen Annahme eine Verwandlung und ein Übergang der Seele von einem Ort in einen anderen. Stimmt die erste Annahme, dann gleicht der Tod einem festen, traumlosen Schlaf. Wenn das so ist, muss man den Tod als Gewinn ansehen. Die Zeit nach dem Sterben wäre nichts anderes als eine einzige traumlose Nacht. Ist aber der Tod eine Reise in ein anderes Land und stimmt die traditionelle Vorstellung, dass dort alle Toten sich aufhalten, dann könnte es keinen größeren Gewinn geben. Man würde im Hades die wahren Richter und die Halbgötter finden, die sich im Leben gerecht zeigten – das wäre doch keine üble Auswanderung. Für Sokrates wäre die Begegnung mit ihnen und mit allen, die durch ein ungerechtes Urteil ihr Leben verloren haben, ein solcher Gewinn, dass er am liebsten oftmals sterben wollte. Er könnte sein Schicksal mit ihrem vergleichen und könnte – was ihm das Wichtigste wäre – genau derselben Beschäftigung nachgehen, die ihm im Leben am Herzen lag: ἐξετάζειν und ἐρευνῶντα διάγειν, also zu prüfen und beharrlich nachzufragen, wer weise ist und wer es nur von sich glaubt. Es lässt sich kaum übersehen, dass hier auch die Sokratische Ironie im Spiel ist.
Aufgabe 4 In beiden Texten wird der Tod als ein Gut dargestellt, doch sie unterscheiden sich in vielfältiger Weise – in Kontext, Inhalt und Funktion. Es bietet sich an, bei dem Vergleich von dem älteren Text auszugehen, da Lukian sich eindeutig auf die Apologie bezieht. Platon lässt Sokrates diese Worte nach der Verurteilung sprechen. Er vergewissert sich in diesem Abschnitt, dass er vor dem Tod keine Angst zu haben braucht – im Gegenteil, der Tod, zumal bei einem Siebzigjährigen, kann für ihn nur ein ἀγαθὸν sein. Für diese Vorstellung bringt er Argumente bei: ein rationales – und ein mythologisches, das er deutlich kennzeichnet: κατὰ τὰ λεγόμενα; εἰ ἀληθῆ ἐστιν τὰ λεγόμενα und οἵπερ λέγονται. Man spricht auch davon, dieser Teil sei der „Mythos“ der Apologie (vgl. etwa Gorgias, Staat). Die Vorstellung, er würde seine Existenz in gleicher Weise wie auf der Erde weiterführen, atmet Sokratische Ironie. Aber es bleibt ein existenzieller Text. Auch Lukians Text berichtet von einer wichtigen Lebensentscheidung – aber sie geschieht nicht an der Schwelle des Todes, sondern in der Jugend des Autors . Es geht um die Wahl seiner Lebensform: Zwei Wege stehen zur Auswahl: Steinmetz oder Rhetor zu werden. Lukian beschreibt seine Entscheidung als Wirkung eines Traumes. Es erscheinen ihm die Personifikationen der Bildhauerkunst und der Paideia. Manchen Lesern wird wohl an der Stelle die Geschichte des Sophisten Prodikos von Herakles am Scheideweg einfallen (εὐδαιμονία/κακία - ἀρετή), die Lukian aufnimmt und verarbeitet. Nach dem durch Prodikos vorgegebenen rhetorischen Schema folgt die Paideia mit ihrer Rede auf die Bildhauerkunst. Sie versucht, deren Argumente zu entkräften und – im vorgelegten Text – die eigenen Vorzüge aufzuzeigen. Diese Vorzüge liegen zunächst im Leben des rhetorisch und philosophisch Gebildeten: umfassendes Wissen, Entwicklung aller für den Griechen bedeutsamen Seelenkräfte, großes Ansehen zu Hause und im Ausland. Der Schluss greift dann die Todesfrage auf und bezieht sich eindeutig auf das mythologische Argument in den Überlegungen des Sokrates in Text B (schon zu Beginn der Hinweis auf die Tradition: ὃ δὲ λέγουσιν, unübersehbar durch das vorausgesagte Zusammentreffen mit Sokrates). Auch Lukian arbeitet mit der mythologischen Szenerie des Hades, verändert sie jedoch so, dass sie nahtlos an sein Lebensschicksal anschließen würde: Sokrates freut sich auf die gerechten Unterweltsrichter, auf die Gerechten unter den Halbgöttern, auf die großen Dichter der Vorzeit, besonders auch auf ungerecht Umgekommene (z.B. Palamedes und Aias) und will im Hades seine Lebensaufgabe weiterführen. Lukian, als Zögling der Paideia, würde es natürlich nicht in erster Linie um ein Treffen mit gerechten Richtern gehen; das ist nicht sein Problem, und dass er den Tod überdauert ist ja schon die Anerkennung seiner Tüchtigkeit im Leben (nur einige Menschen – τινες – werden ja ἀθάνατοι). Er würde mit Seinesgleichen zusammentreffen, also mit den Gebildeten und den Besten, auch sein irdisches Leben könnte im Hades weitergehen. Seine Beispiele sind freilich aus gutem Grund nicht aus der Mythologie genommen, er kommt mit Männern aus geschichtlicher Zeit zusammen, die wie die berühmten Redner Demosthenes und Aischines aus dürftigen Verhältnissen stammten, es aber zu großem Ansehen brachten. Er stammt auch „nur“ aus einer Handwerkerfamilie – eine Parallele. Der Höhepunkt wird das Treffen Lukians mit dem ehemaligen Steinmetzen Sokrates sein, den er als Fahnenflüchtigen und Überläufer zur Philosophie bezeichnet. Jetzt wird er im Hades besungen. Lukian auch ein fahnenflüchtiger Steinmetz. Eine noch deutlichere Parallele. Er ein zweiter Sokrates. Mit diesem Teil hat Lukian die Paideia einen mythologischen Schlusspunkt setzen lassen – gleichsam von Position und Inhalt formal das gewichtigste Argument in ihrer Paränese (Ermahnung) – und doch erkennt man, vor allem hinter der Parallelisierung von Sokrates und Lukian, das selbstironische Lächeln des Schriftstellers. Freilich entwertet diese feine Ironie nicht die Paränese als Ganzes– schließlich ist Lukian, um im Traumbild zu bleiben, der Paideia gefolgt und sophistischer Redner geworden.
Lateinische Klausur — Aufgabenstellung
Gründe gegen die Todesfurcht
Hauptanliegen der antiken römischen Philosophie war es, dem Menschen Hilfe bei der Bewältigung der Nöte seines Daseins zu leisten und ihm den Weg zu einem verläßlichen Lebensglück zu weisen. Ein besonders wichtiger Teil dieser Lebenshilfe betraf die Überwindung der Furcht vor dem Tod. Mit diesem Thema beschäftigte sich Cicero (106-43 v. Chr.) im ersten Buch seiner Schrift Tusculanae disputationes (Gespräche in Tusculum) und Seneca (ca. 4 v. Chr. - 65 n. Chr.) an mehreren Stellen seiner Epistulae morales ad Lucilium (Moralphilosophische Briefe an Lucilius). Zwei Abschnitte aus diesen Texten sollen im folgenden miteinander verglichen werden.
Fragen und Aufgaben
1. Übersetzen Sie schriftlich den Schlußteil von Text A (Zeile 9-14): „In hoc enim ... non esse“. (Sie müssen sich natürlich auch um ein präzises Verständnis des vorhergehenden Textteils bemühen, brauchen ihn aber nicht schriftlich zu übersetzen). 2. Mit welchen Vergleichen verdeutlichen Seneca (Text A, Zeile 6-9) und Cicero bzw. der platonische Sokrates (Text B, Zeile 4-8) jeweils ihre Vorstellung vom Tod? 3. Welche Merkmale kennzeichnen die Todesvorstellungen Senecas und Ciceros? Nennen und erläutern Sie die wesentlichen (lateinischen) Begriffe! Berücksichtigen Sie bei Cicero (anders als in Aufgabe 2) beide von ihm für möglich gehaltenen Vorstellungen vom Tod! 4. Wie bewerten Seneca einerseits und Cicero andererseits die Empfindungslosigkeit eines Toten? Wie beurteilen Sie selbst die Schlüssigkeit der jeweiligen Argumentation?
Die Benützung eines lateinisch-deutschen Wörterbuchs wird vorausgesetzt.
Text A: Seneca, Epistulae morales ad Lucilium 54, 3-5 Seneca litt zeitlebens unter Krankheiten, besonders unter quälender Atemnot, die ihn immer wieder mit schweren Erstickungsanfällen heimsuchte und mehrfach an den Rand des Todes brachte. Von der Erfahrung eines solchen Anfalls berichtet der Philosoph im folgenden Text seinem Neffen Lucilius.
Ego in ipsa suffocatione[1] non desii cogitationibus laetis ac fortibus adquiescere[2]. „Quid hoc est?“ inquam, „tam saepe mors experitur me? Faciat: ego illam diu expertus sum.“ „Quando?“ inquis. Antequam nascerer. Mors est non esse. Id quale sit, iam scio: hoc erit post me, quod ante me fuit. 5 Si quid in hac re[3] tormenti[4] est, necesse est et fuisse[5], antequam prodiremus in lucem; atqui[6] nullam sensimus tunc vexationem. Rogo: non stultissimum dicas, si quis existimet lucernae[7] peius esse[8], cum extincta est, quam antequam accenditur? Nos quoque et extinguimur et accendimur; medio illo tempore aliquid patimur, utrimque[9] vero alta securitas est. In hoc enim, 10 mi Lucili[10], nisi fallor, erramus, quod mortem iudicamus sequi[11], cum illa et praecesserit et secutura sit. Quidquid ante nos fuit, mors est; quid enim refert[12], non incipias an desinas, cum utriusque rei hic sit effectus: non esse?
Text B: Cicero, Tusculanae disputationes I, 97f. Cicero zitiert als Kronzeugen für seine eigene Auffassung vom Tod in lateinischer Übersetzung einen Abschnitt aus Platons „Apologie des Sokrates“. Er entstammt dem Schlussteil der Verteidigungsrede, in dem Sokrates das Todesurteil bewertete, das die Mehrheit der athenischen Richter über ihn verhängt hatte.
Magna me spes tenet, iudices, bene mihi evenire, quod mittar ad mortem. Necesse est enim sit alterum de duobus, ut aut sensus omnino omnes mors auferat aut in alium quendam locum ex his locis morte migretur. Quam ob rem, 5 sive sensus extinguitur morsque ei somno similis est, qui nonnumquam etiam sine visis somniorum placatissimam quietem adfert, di boni, quid lucri est emori! Aut quam multi dies reperiri possunt, qui tali nocti anteponantur? Cui si similis futura est perpetuitas omnis consequentis 10 temporis, quis me beatior? Sin vera sunt, quae dicuntur, migrationem esse mortem in eas oras, quas qui e vita excesserunt incolunt, id multo iam beatius est. Tene, cum ab iis, qui se iudicum numero haberi volunt, evaseris, ad eos venire, qui vere iudices appellentur, 15 Minoem, Rhadamanthum, Aeacum, Triptolemum, conve- nireque eos, qui iuste et cum fide vixerint – haec peregri- natio mediocris vobis videri potest? Ut vero conloqui cum Orpheo, Musaeo, Homero, Hesiodo liceat, quanti tandem aestimatis? Equidem saepe emori, si fieri posset, vellem, ut 20 ea, quae dico, mihi liceret invisere. Quanta delectatione autem adficerer, cum Palamedem, cum Aiacem, cum alios iudicio iniquo circumventos convenirem! Temptarem etiam summi regis, qui maximas copias duxit ad Troiam, et Ulixi Sisyphique prudentiam, nec ob eam rem, cum haec 25 exquirerem, sicut hic faciebam, capite damnarer.
Mich beseelt die zuversichtliche Hoffnung, ihr Richter, daß es gut für mich ist, zum Tod geschickt zu werden. Denn zwangsläufig muß eine von zwei Möglichkeiten gelten: Entweder beseitigt der Tod alle Empfindungen vollständig oder man wandert durch den Tod von diesen Orten zu einem ganz 5 anderen Ort. Wenn nun die Empfindung ausgelöscht wird und der Tod dem Schlafe ähnlich ist, der zuweilen auch ohne Traumgesichte die sanfteste Ruhe beschert, ihr guten Götter, was ist es dann für ein Gewinn zu sterben! Oder wie viele Tage kann man finden, die einer solchen Nacht vorzuziehen wären? Wenn ihr die gesamte Dauer der folgenden Zeit ähnlich ist, wer wäre dann 10 glücklicher als ich? Wenn aber wahr ist, was man sagt, daß der Tod eine Wanderung zu den Gefilden sei, in denen die wohnen, die aus dem Leben geschieden sind, dann ist das eine noch viel größere Glückseligkeit. Daß man dann, wenn man denen entronnen ist, die hier als Richter gelten wollen, zu denen kommt, die 15 wahrhaft als Richter zu bezeichnen sind, zu Minos, Rhadamanthys, Aiakos und Triptolemos[13], und denen begegnet, die ein gerechtes und gewissenhaftes Leben führten – kann euch diese Reise belanglos scheinen? Was hieltet ihr gar davon, mit Orpheus, Musaios, Homer und Hesiod[14] reden zu können? Ich wünschte jedenfalls oft zu sterben, wenn das möglich wäre, um das, was ich 20 da sage, erleben zu dürfen. Welche Freude würde mich aber erst erfüllen, wenn ich einem Palamedes, einem Aias[15] oder anderen Opfern eines ungerechten Urteils begegnen würde. Ich würde auch die Klugheit des größten Königs, der die stärkste Streitmacht nach Troja führte, und des Odysseus oder Sisyphos erproben und würde dafür nicht zum Tod verurteilt 25 werden, wenn ich das so erforschte, wie ich es hier tat.
Fußnoten [1] suffocatio = Erstickungsanfall [2] adquiescere = sich beruhigen [3] in hac re = darin (d.h. im Zustand des Menschen nach dem Tod) [4] tormenti: Genitivus partitivus, abhängig von quid [5] necesse est et fuisse = necesse est aliquid tormenti etiam fuisse [6] atqui = aber ... doch [7] lucerna = Lampe [8] peius est alicui = es geht einem schlechter [9] utrimque = davor und danach (wörtl.: beiderseits) [10] mi Lucili: Vocativ [11] Als Objekt zu sequi ist vitam zu ergänzen [12] refert (mit indirektem Fragesatz) = es macht einen Unterschied [13] Gestalten des Mythos, die nach einem verdienstvollen Erdenleben zu Unterweltsrichtern wurden. [14] Sänger und Dichter des Mythos und der griechischen Frühzeit. [15] Helden des Trojanischen Kriegs, die falsch beschuldigt und ungerecht verurteilt wurden.
Lateinische Klausur — Erwartungshorizont
Aufgabe 1 „Darin nämlich, mein Lucilius, irren wir uns, wenn ich mich nicht täusche, daß wir annehmen, der Tod folge dem Leben nach, während er ihm sowohl vorangegangen ist als auch nachfolgen wird. Was immer vor uns gewesen ist, ist Tod. Was macht es denn für einen Unterschied, ob man gar nicht erst anfängt oder ob man aufhört, da das Ergebnis von beidem dies ist: nicht zu sein.“ – Der zentrale Gedanke Senecas ist die kontrastierende Gegenüberstellung einer falschen und einer richtigen Vorstellung vom Tod: Ein Fehlurteil (erramus, quod ... iudicamus, Z. 10) wäre die Annahme, der Tod, der einfach im Nicht-Sein besteht, sei nur etwas, das dem Leben folgt. Richtig ist für Seneca dagegen die Einsicht, daß dieses Nicht-Sein dem Leben sowohl vorherging als auch nachfolgen wird. Diese Gegenüberstellung kommt nur zum Ausdruck, wenn der cum-Satz (Z. 10/11) adversativ verstanden, also mit „während“ eingeleitet wird.
Aufgabe 2 Seneca vergleicht den Menschen mit einer Lampe; sein Leben entspricht ihrem Brennen, sein Tod ihrem Ausgelöschtsein. Wie die Lampe sich nach dem Erlöschen in derselben Verfassung befindet wie vor dem Entzündetwerden, so ist auch der Zustand des Menschen nach dem Tod derselbe wie vor seiner Geburt. Cicero bzw. der platonische Sokrates vergleicht bei seiner ersten Todesvorstellung den Tod mit einem tiefen, traumlosen nächtlichen Schlaf, der dem Menschen sanfteste Ruhe schenkt (placatissimam quietem adfert). Der Tod steht dem Leben folglich so gegenüber wie eine erquickende Nachtruhe dem Tag. Er ist deshalb als Gewinn zu betrachten (quid lucri est emori!) und verdient sogar den Vorzug vor dem Leben.
Aufgabe 3 Für Seneca bedeutet der Tod schlicht und einfach das Nicht-Sein (Mors est non esse). Dieses Nicht-Sein geht dem Menschenleben ebenso voraus, wie es ihm nachfolgt; es rahmt das Leben gewissermaßen wie eine Zwischenzeit von beiden Seiten (utrimque) ein. In dieser Zwischenzeit leidet man (medio illo tempore aliquid patimur). Davor und danach herrscht alta securitas, d.h ein Zustand „ohne Sorge“. Die Grundbedeutung des Wortes se-curitas ergibt sich aus seinen beiden Bestandteilen, der Vorsilbe se- (= „getrennt von“; vgl. se-parare, se-cernere u.ä.) und dem Wortstamm cura (= Sorge). Der Todesbegriff Senecas ist also konsequent durch Verneinung bestimmt: Tod ist „Nicht-Sein“ und folglich gibt es im Tod „keine Sorge“. Cicero bzw. sein Sprachrohr, der platonische Sokrates, geht, anders als Seneca, nicht von einer einzigen Todesvorstellung aus, sondern nimmt zwei Möglichkeiten an: Entweder löscht der Tod jede Empfindung aus (sensus extinguitur) oder er besteht im Übergang in eine andere Welt. Die erste Möglichkeit berührt sich durch die Annahme der Empfindungslosigkeit mit der Todesvorstellung Senecas, unterscheidet sich von ihr aber in der Bewertung (vgl. Aufgabe 4). Die zweite Möglichkeit wird durch die bildliche Vorstellung einer Wanderung (migratio, Z. 11) oder Reise (peregrinatio, Z. 17) verdeutlicht und durch die Erwartung einer Begegnung (convenire, Z. 23) mit bedeutenden Persönlichkeiten, die der anderen Welt angehören, ausgemalt. Diese Vorstellung nimmt dem Tod nicht nur jeden Schrecken, sondern läßt ihn – sogar in vielfacher Wiederholung – geradezu erwünscht erscheinen (saepe emori ... vellem, Z. 19f.).
Aufgabe 4 Empfindungslosigkeit als Wesensmerkmal des Todes wird von Seneca als selbstverständliche Tatsache vorausgesetzt, von Cicero bzw. dem platonischen Sokrates als eine von zwei Möglichkeiten (vgl. Aufgabe 3) angenommen. Der Gedanke an diese Empfindungslosigkeit gehört für Seneca zwar zu den „frohen und tapferen Gedanken“ (cogitationibus laetis ac fortibus, Z. 1), mit denen er sich in der Qual des Erstickungsanfalls zu beruhigen (adquiescere, Z. 2) sucht; er verbindet damit aber nur das Fehlen von Qual (nullam sensimus ... vexationem, Z. 6) und Leiden (patimur, Z. 9), nicht das Erleben von Lust oder Freude. In deutlichem Gegensatz dazu bewertet Cicero/Sokrates die Empfindungslosigkeit des Todes, die er mit ungestörtem Schlaf vergleicht, als eine überaus positive Erfahrung und Empfindung. Der strengen Logik Senecas steht damit bei Cicero/Sokrates eine gewisse gedankliche Inkonsequenz gegenüber: Wenn der Tod jede Empfindung auslöscht, kann es natürlich auch keine Empfindung erquickender Ruhe geben.
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